Christian Wolff, geboren am 8.März 1934 in Nizza/Frankreich, kam im Alter von sieben Jahren in die USA. Seine Schulzeit verbrachte er in New York. Erste Kompositionsversuche entstanden Ende der 40er-Jahre. 1950 lernte Wolff John Cage kennen, zu dessen Kreis er zusammen mit Earle Brown und Morton Feldman in den 50er-Jahren gehörte. Feldman berichtet über ihn: „Er war 16 Jahre alt – Orpheus in Tennisschuhen. Als Sohn von Kurt Wolff, einem europäischen Verleger von beachtlicher Bedeutung (der als erster, d.h. noch zu dessen Lebzeiten, Kafkas Werke veröffentlichte), kam er aus einer Umgebung intensivster intellektueller Auseinandersetzung. Wie Pasternak, Virginia Woolf und viele andere, die in einer solchen Atmosphäre aufgewachsen sind, fühlte er sich auf einem Gebiet zu Hause, das andere verwirrend abstrakt gefunden hätten.“ Wolff bekam über diesen Kreis Kontakt zu Musikern und Malern: David Tudor, Merce Cunningham, Robert Rauschenberg u.a. Malern, die später als New York School bezeichnet werden sollten. Man hat Wolffs erste kompositorische Entwicklung häufig als „autodidaktisch“ beschrieben; nicht zuletzt bestand sie jedoch in der intensiven Auseinandersetzung und produktiven Verarbeitung der Eindrücke und Diskussionen innerhalb dieser Gruppe von Künstlern.
1951 ging Wolff nach Harvard, um dort klassische Philologie zu studieren. Damit nahm eine bis heute bestehende Doppelexistenz ihren Anfang: Er schloß das Studium mit der Promotion 1963 ab; ein Jahr zuvor begann er bereits, dieses Fach in Harvard zu unterrichten. Ab 1971 lehrte Wolff am Dartmouth College in Hannover/New Hampshire; seit 1976 ist er dort Professor für Musik und klassische Philologie.
Parallel zu dieser Universitätskarriere lief immer die zweite, davon unabhängige, als Komponist. 1968 war Wolff erstmals zu einem längeren Aufenthalt in Großbritannien, wo er Seminare für Studenten und Konzerte gab. Dort lernte er Cornelius Cardew kennen, arbeitete mit verschiedenen Arten von Improvisation. 1972 war Wolff erstmals bei den Darmstädter Ferienkursen, um dort einen Kompositionskurs zu halten; ein Jahr später hatte er ein Stipendium am Electronic Music Center des Mills College/Oakland; 1974 war er Stipendiat des DAAD in Berlin. Wolffs politisches Engagement, zunächst eher intuitiver Natur – er war Kriegsdienstverweigerer und hatte in den 60er-Jahren mit der Bürgerrechtsbewegung sympathisiert –, konkretisierte sich Ende der 60er-Jahre unter dem Eindruck des Vietnam-Kriegs in der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Marxismus. Die Hinwendung zu einem demokratischen Sozialismus, die Anti-Vietnam-Bewegung und später die Anti-Atom-Bewegung beeinflußten ihn: die kompositorische Arbeit, aber auch seine pädagogische Tätigkeit. Sie prägte seinen Blick auf die Dinge: „Ich […] bin jetzt viel mehr an den Zusammenhängen zwischen Geschichte und Gesellschaft interessiert, zwischen sozialen Strukturen, politischen Strukturen und dem kulturellen Leben in einer gewissen Zeitperiode. Damit beschäftige ich mich besonders in der Altphilologie und auf andere Weise auch in der Musik“.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik