„Wenn ich jetzt zurückdenke, ist fast alles, was ich mache, eine Reaktion, eine Antwort auf die verschiedenen Sachen, die mich irgendwie berührt haben, also ein Dialog mit der Musik anderer.“ Die ersten bedeutsamen Dialogpartner waren für Wolff die New Yorker Künstler um John Cage. Wolffs frühe Kompositionen aus dieser Zeit – etwa zwischen 1950 und 1957 – könnte man unter dem Schlagwort „Beschränkung“ zusammenfassen: reduzierte Materialien – besonders im Blick auf die Tonhöhen –, deren strukturelle Entfaltung vor allem aus einer arithmetischen Reihung von rhythmischen Werten und einem expressiven Einsatz von Pausen entsteht. Diese Werke sind als eine Auseinandersetzung mit der Musik Anton Weberns und Cages verstehbar. Im Lauf der späten 50er-Jahre deutet sich eine Verlagerung des Interesses auf einen Aspekt an, den Wolff „Unbestimmtheit“ genannt hat. In der Zusammenarbeit mit Frederic Rzewski war Wolff auf die Frage gestoßen, inwieweit die Reaktionen der Ausführenden aufeinander für das Werk konstitutiv werden können. Es entstanden Werke für mindestens zwei Ausführende, in denen Teile der für die musikalische Struktur des Werkes grundlegenden Aspekte in die Verantwortung des Ausführenden gestellt waren. Was Wolff daran interessierte, war nicht der Aspekt des Zufalls, sondern die Bedingtheit, mit der die einzelnen auf die Entscheidungen der anderen reagierten: die Erzeugung einer Art psychologischer Kettenreaktion, die Wolff mit dem Begriff „cueing“ benannt hat.
Die klanglichen Materialien und die Unbestimmtheit des Ablaufs weiteten sich in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre immer mehr aus, bis etwa in Prose Collection (1968/69) einfache Prosabeschreibungen von klangerzeugenden Vorgängen übrigblieben. Seit den frühen 70er-Jahren konkretisiert sich Wolffs politisches Denken zunehmend auch in seinem kompositorischen Schaffen. Waren es bis dahin in diesem Zusammenhang hauptsächlich „demokratische“ Strukturen in der Formbildung und der Stellenwert der Entscheidung der Interpreten sowie die Versuche, mit nichtprofessionellen Ausführenden zu arbeiten, verwendet Wolff nun zunehmend Texte und Werktitel mit zumindest latent politischem Inhalt, nimmt sein musikalisches Material aus politischen Liedern, besetzt Werke mit symbolischen Funktionsbezeichnungen, z.B. in der Reihe der Peace Marches. In einem Brief an Heinz-Klaus Metzger schrieb Wolff 1978: „Doch bin ich der Auffassung, daß Musik gesellschaftlich besser zu funktionieren vermag, wenn sie deutlicher mit dem zu identifizieren ist, was die meisten Leute unter Musik verstehen. Es ist dies keine Frage der Zu- oder Abneigung, sondern der sozialen Identität. Unter besserem sozialem Funktionieren verstehe ich: einen Beitrag zur Konzentration jener sozialen Kräfte leisten, die kollektiv – nicht individualistisch – sind und daher politisch revolutionär sein können.“
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik