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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

VOM TIEFSTEN PUNKT DER MODERNE

[Foto: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden/Melisande Bernsee]

oder: Von der Brutalisierung der Musik

Hans Zender

«Die Sinne denken.» Diese Vorstellung des Philosophen Georg Picht prägt maßgeblich das Gedankengebäude des Komponisten, Dirigenten, Lehrers und Musikschriftstellers Hans Zender. Liest man seine Schriften, dann ist dies wohl der am häufigsten zitierte Gedanke. Diesen philosophischen Ansatz bei einem Musikdenker zu finden, der mit zahlreichen brillanten Texten maßgeblich den musikalischen Diskurs seit der Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland mitgeprägt hat, überrascht gewiss. Schließlich zielt er darauf, dass sich künstlerischer Sinn nicht nur vermittels reflexiver Wahrnehmung bildet, sondern bereits im unbewussten bzw. halbbewussten Moment des Hörens.

Das Gespräch mit Hans Zender vermittelt das Bild eines der wenigen Künstler der Nachkriegsgeneration, dessen Musikverständnis nicht auf ein einheitliches oder ein hermetisches musikphilosophisches System zielt. Nach dem Scheitern der posthegelianischen Geschichtsutopie mit ihrem Anspruch, noch einmal feste Kriterien für eine zeitgenössische Kunst zu definieren, plädiert Hans Zender in diesem Gespräch für einen radikal individuellen Ansatz zwischen den festgefahrenen Begriffen «Fortschritt» und «Tradition».