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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Wilfried Gruhn

Als Zender seine ersten Kompositionen schrieb, vollzog sich eine beispiellose Erweiterung des musikalischen Materials, die das musikalische Denken vollständig veränderte. Standen die frühen Rondels nach Mallarmé (1961) und die Eichendorff-Lieder (1963/64) noch im Schatten der isorhythmischen Strukturprinzipien, die er bei Fortner kennengelernt hatte, so eröffnete die Begegnung mit Bernd Alois Zimmermann neue Perspektiven. Im Canto I für Chor, Flöte, Klavier, Streicher und Schlagzeug (1965), der den Beginn einer Werkreihe markiert, deutete sich erstmals ein neues Zeitbewußtsein an. Gleichzeitig tendierte die kompositorische Neuorientierung in dem Instrumentalzyklus Modelle (1971/73) und im komplexen Canto V für Stimmen mit Schlaginstrumenten (Heraklit, 1972/74) zu experimentellen, offenen Formprozessen und variablen Strukturen. Die Begegnung mit der Kultur Asiens (Japan-Reisen) beeinflußte noch einmal auf andere Weise sein europäisches Zeitverständnis und führte zu der (um die Flöte zentrierte) Werkreihe Lo-Shu (IVII, 1977/97).

 

Von Anfang an ist Zenders Musik durch eine starke Affinität zur Sprache gekennzeichnet. Das Prinzip der Montage in den Texten von James Joyce wurde zum künstlerischen Movens seines Bühnenwerks Stephen Climax (1979/84). In seiner zweiten Oper Don Quijote de la Mancha (1989/91) wird das Prinzip der simultanen Präsentation historisch divergenter Elemente zum Spiel mit Kombinationen theatralischer Mittel.

 

Die Personalunion von Komponist und Interpret führt zu einem hohen Anteil ästhetischer und aufführungspraktischer Reflexion. Die Auseinandersetzung mit den Werken der Vergangenheit vollzieht sich dabei sowohl in der Dirigierpraxis als auch in neuen Formen der „komponierten Interpretation“. In Hölderlin lesen I für Streichquartett mit Sprechstimme (1979) entwickelt Zender ein „Stilglissando“ von der Zeit Beethovens und Hölderlins bis in die Gegenwart. Sein Dialog mit Haydn für zwei Klaviere und drei Orchestergruppen (1982; rev. 1983) zeigt durch die Mikrotonalität dreier verschiedener Stimmungen die aus dem 18.Jahrhundert ererbte Differenz zwischen temperierter und reiner Stimmung. In Schuberts „Winterreise“ für Tenor und Ensemble (1993) wird Interpretation zur individuellen Lesart („lecture“), die den Text neu formt.

 

Exploratives Experiment und kritische Reflexion, Interpretation und Komposition, europäische Tradition und innovative Impulse bilden die dialektischen Pole seiner schöpferischen Arbeit. In der vierteiligen Kantate Shir Hashirim für Soli, Chor, großes Orchester und Live-Elektronik (1993/96) findet Zender zu einer Ästhetik, die sich sowohl in einem veränderten Formbewußtsein als auch in einer neuen, spektral orientierten Harmonik niederschlägt.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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