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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

VON DER NEUEN MUSIK ALS FEUDALSTAAT

[Foto: Charlotte Oswald]

oder: Keine Idee als die in den Dingen

Walter Zimmermann

Walter Zimmermann, Jahrgang 1949, gegenwärtig Professor für Komposition an der Berliner Universität der Künste, ist ohne Zweifel einer der radikalsten Außenseiter der zweiten Nachkriegsgeneration der Neue Musik-Szene Europas. Fest verwurzelt im Boden der europäischen Kultur, jedoch nachhaltig geprägt vom nordamerikanischen Musikdenken der 1950er und 1960er Jahre. Immer wieder hat Zimmermann auf unterschiedlichen Wegen versucht, sich bei der Materialfindung unabhängig von (unbewussten) persönlichen Vorlieben oder Abneigungen zu machen, getreu einem Fragment von Novalis, das da besagt: «Harmonie ist die Bedingung des Schwebens zwischen Entgegengesetztem. Sei einig mit dir selbst ist also Bedingungsgrundsatz des obersten Zwecks zu sein oder frei zu sein. Alles Sein, Sein überhaupt ist nichts anderes als frei sein.»     

Immer ist Walter Zimmermann in seinen Stücken auf der Suche nach einer allgemeinen Sprache, die sein «falsches Selbst», wie er formuliert, «an die Wand spielt, an der es auch zerbrechen kann», das ihn «limitiert, begrenzt, um dieses automatische Selbst, das im Grunde genommen nur die Erziehung immer wieder rausspuckt, zu filtern und um die Energien umzulenken». Sein Zyklus Lokale Musik war der erste bemerkenswerte Versuch auf diesem Weg. Später folgten weitere, nie aber entwarf er Kompositionen um der Komposition willen, vielmehr arbeitet er in seinen Stücken immer mit einer gewissen Logik, dabei das Messianische vermeidend, stets im Bereich des Unauffälligen und auf der Suche nach der lyrischen Seite deutscher Musik.