Walter Zimmermanns kompositorisches Werk ist fast durchweg gekennzeichnet von der Auseinandersetzung mit häufig abstrakten oder philosophischen Themen, denen seine Musik einen “existentiellen” Bezug gibt, ohne jedoch sich in einer gegenständlichen oder narrativen Widerspiegelung zu verfangen. Innerhalb seiner Musik wiederholt sich diese Polarität in derjenigen von konkreter Beschaffenheit des musikalischen Materials und seiner Auflösung und Abstraktion in universalisierenden Texturen und übergreifenden Formalisierungen. Darin kommt transformiert sowohl ein serieller Einfluß wie auch besonders der von Cage und Feldman zum Tragen. Seiner Musik verleiht diese Polarität oft ein Schwebendes und Ungreifbares, das sich definierenden Ausdrucksgebärden entzieht.
Seine frühesten Stücke zeigen die Einflüsse verschiedener Stilmomente etwa von Boulez, Berio oder Stockhausen, aber auch experimentelle Textaufschließungen wie in Arbeiten von Heissenbüttel (As a wife has a cow für Klavier zu vier Händen nach Gertrude Stein, 1974). Akkordarbeit für Orchester (1971) – nach der ersten Paganini-Etüde von Liszt – thematisiert die soziale Einbettung von Musik und das zwei Teile umfassende Orchesterwerk Orgon (1972/74) den libidinösen und psychologischen Kontext musikalischer Produktion auf der Folie der späten Schriften von Wilhelm Reich.
Mit Beginners Mind, einem Klavierstück von 1975, in dem der Pianist auch Texte von Shunryu Suzuki singt, beginnt eine neue Phase, fast ein Neubeginn, der die US-amerikanischen Erfahrungen ebenso verarbeitet wie die vieldeutigen Simplifikationen in der Musik Saties. Es ist ein Versuch, formelhafte Tendenzen der Sprache der neuen Musik in einer “neuen Einfachheit” zu überwinden. Komplexer in Anlage wie Faktur ist demgegenüber der Zyklus Lokale Musik (1977/81), der es unternimmt, das Spannungsverhältnis von Universalität und Lokalität, wie es die US-amerikanischen Transzendentalisten formuliert hatten (“Das Lokale ist das Universale”), vom Begriff der Insel-Kultur (William Carlos Williams) ausgehend, nun auch in den heimatlichen Klanglandschaften zu entdecken. Dabei wird das konkrete Material (fränkische Tänze und Melodien) verschiedenen Abstraktions- und Auflösungsverfahren unterzogen. Der hier schon offensichtliche Einfluß von Cage wird in der Werkgruppe nach Meister Eckhard Vom Nutzen des Lassens (Solo- und Ensemblestücke, 1981/84) in der Polarität von östlichem und westlichem Denken geradezu thematisch. In Sternwanderung (1982/84) führt die frühromantische Welt zu einer nicht-zentrierten Tonalität, während ResiduaI und II (1984/86, 1989), Geduld und Gelegenheit (1987/1989) und das Klavierkonzert Ataraxia (1988) die Auflösung paradoxer Zielsetzungen versuchen. Die Opern Die Blinden (nach Maurice Maeterlinck, 1984), Über die Dörfer (nach Peter Handke, 1986), Hyperion (nach Friedrich Hölderlin, 1989/90) lassen sich in der Entgegensetzung von formaler Auflösung, komplexer Grammatikalität und dem Zeit und Raum verschränkenden Phänomen der Schrift verstehen. Auch hier bleibt die Spannung von abstrakten Formalisierungsstrategien und materieller Konkretion das treibende Motiv seiner Musik.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik