Erlebte Geschichte - Home

«DA IST EIN FLEISCHTOPF, DA GEHST DU HIN!»

oder: Vom Denken in Lagern

Schon im 19. Jahrhundert gab es sie: die ästhetischen Auseinandersetzungen – zwischen Hanslick, Brahms, Bruckner und Wagner. Noch nie wurden die ästhetischen Diskussionen jedoch so intensiv und martialisch geführt wie in den 50er bis 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Allein das militärische Vokabular, das damals die Auseinandersetzungen bestimmte, spricht Bände. Sprache wurde als Waffe benutzt, Opernhäuser wollte man am liebsten in die Luft sprengen. Da wurde Strawinsky gegen Schönberg, dieser sogleich gegen Webern ausgespielt. Die Vertreter der «Synthetischen Musik» in Köln argumentierten gegen den Pariser «Musique concrète»-Zirkel und die orthodoxen Serialisten in Darmstadt gegen die New Yorker Cage-Anhänger.

Die Liste der unterschiedlichen ästhetischen Ausrichtungen ließe sich beliebig fortsetzen. Ob man damit jedoch zugleich von oppositionellen Lagern sprechen kann oder ob diese nur eine Erfindung des Feuilletons sind, ist in dieser virtuellen Gesprächsrunde ebenso zu klären, wie den Fragen nachzugehen ist, ob das Denken in derartigen Schwarz-Weiß-Kategorien nicht doch auch etwas sehr Produktives und Lebendiges an sich hatte oder ob die Vereinsamung des Künstlers solche Lagerbildungen nicht geradezu herausforderte.

In dieser Runde wird heiß und offen diskutiert. Die besondere Dynamik des Gesprächs ergibt sich allein schon dadurch, dass von Elliott Carter bis Wolfgang Rihm zweieinhalb Komponistengenerationen an einem Tisch sitzen.