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DER STROM UND DIE MUSIK

oder:«Kommunismus ist die Macht der Räte plus Elektrifizierung» – Elektrifizierung ist die Allmacht des Klanges plus neue Wahrnehmung

Die Auseinandersetzungen um die Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drehten sich wie bei einem Karussell immer um das Gleiche: Wer besitzt die fortschrittlichste Kompositionsmethode, um auf dem Markt der Eitelkeiten bestehen zu können? Bei allem Gezänk um diese oder jene Kompositionstechnik oder ästhetische Haltung geriet der Neue Musik-Szene in der ästhetischen Auseinandersetzung eine Erfindung nahezu vollkommen aus dem Blickwinkel: die Erfindung des elektrischen Stroms, deren Einfluss auf die musikalische Wahrnehmung im 20. Jahrhundert grundlegender Natur war.

Die Sendung versucht der Frage nachzugehen, ob – wie immer wieder behauptet wird – es wirklich die neuen Kompositionsmethoden waren, die die Musik des 20. Jahrhunderts zu neuen Ufern hat aufbrechen lassen oder aber ob nicht die Erfindung des Stroms das Musikdenken und Wahrnehmen viel elementarer beeinflusste. Im Zentrum stehen hier nicht so sehr die vielen Erfindungen, die seit 1950 auf die Erweiterung des Klangraumes durch die Mittel der elektronischen Musik oder der Live-Elektronik zielen, als vielmehr elementare philosophische Ansätze infolge der Möglichkeit, Klänge aufzuzeichnen und wiederzugeben. Welchen Einfluss nahmen diese Veränderungen auf die Aura des Kunstwerkes? Was passierte mit dem musikalischen Hören, wenn sich Produktion und Teilhabe von Musik nicht mehr am selben Ort und zur selben Zeit vollziehen muss? Oder: Welche neuen künstlerischen Möglichkeiten erwuchsen im 20. Jahrhundert aus dem Phänomen der Delokalisierung des Wahrnehmungsaktes?